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Weniger ist mehr: Warum strategische Subtraktion zur wichtigsten Führungsdisziplin unserer Zeit wird

Neue Forschung zeigt: Unternehmen scheitern nicht an zu wenig Ideen, sondern an zu viel Ballast. Strategische Subtraktion schafft Fokus, stärkt Resilienz – und wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil in einer komplexen Welt.

Weniger denken – mehr erreichen: Die menschliche Neigung zur Addition

Menschen neigen dazu, Probleme durch Hinzufügen zu lösen. Das belegen umfangreiche Studien aus der Verhaltensforschung. Wird eine Aufgabe gestellt – ein Lego-Bauwerk stabilisieren, einen Text verbessern, einen Minigolfplatz optimieren oder gar eine Universität reformieren –, denken die meisten Menschen reflexartig in Ergänzungen statt in Reduktion.

Eine Untersuchung zeigt, dass 581 von 827 Verbesserungsvorschlägen für eine Universität auf neue Angebote abzielten, während lediglich 70 Vorschläge die Abschaffung bestehender Elemente betrafen.

Der blinde Fleck der Addition in Organisationen

In vielen Unternehmen zeigt sich dieselbe Logik wie in den Studien:

  • neue Prozesse statt Vereinfachung,
  • zusätzliche Rollen statt Verantwortungsfokussierung,
  • weitere Tools statt Reduktion von Schnittstellen,
  • zusätzliche Projekte statt Abschlüsse oder bewusster Verzichte.

Peter Drucker erkannte dieses Muster früh. Er empfahl Führungskräften die Routinefrage:

„Wenn wir das heute noch nicht tun würden – würden wir damit beginnen?“

Wenn die Antwort nein lautet, ist die Zeit für “geplanten Verzicht” gekommen. Ressourcen, die auf unbedeutende Aktivitäten entfallen, werden so für wertschöpfende Aufgaben frei.

Doch diese Form des Denkens ist nicht intuitiv. Sie erfordert bewusste Auseinandersetzung und klare Strukturen, um Subtraktion systematisch zu fördern.

Strategische Subtraktion: Die Perspektive der Harvard Business Review

Der neue Artikel der Harvard Business Review (HBR) (Nov–Dez 2025) setzt genau hier an. Unter dem Titel

„In Turbulent Times, Consider Strategic Subtraction“

zeigen die Autor:innen, wie Subtraktion in unsicheren Zeiten zu einem strategischen Instrument wird – nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern auch zur Stärkung von Resilienz und Sichtbarkeit des Unternehmens.

Während viele Unternehmen in Krisen reflexartig alles Mögliche streichen, zeigt der Artikel:

Subtraktion wirkt nur dann strategisch, wenn sie drei gleichwertige Ziele gleichzeitig stärkt:

Das Triple-Test-Modell für Subtraktion

  1. Effizienz: Minimierung von Ressourcen, Zeit und Aufwand.
  2. Resilienz: Anpassungsfähigkeit und Stabilität in unsicheren Zeiten.
  3. Prominenz: Stärkere Positionierung am Markt und klare Wahrnehmung der eigenen Leistungen.

Dieser Dreiklang ist entscheidend. Subtraktion, die nur Effizienz steigert, aber Resilienz schwächt (z. B. durch „just-in-time“-Optimierungen, die sich in der Pandemie als fragil erwiesen), ist langfristig gefährlich.

Sechs Kernformen der strategischen Subtraktion

Der HBR-Artikel bietet ein klares, anwendungsorientiertes Rahmenwerk. Die sechs Formen der Subtraktion bieten Unternehmen systematische Leitlinien:

  1. Elimination – Entfernen unnötiger Komponenten oder Schritte

Beispiel: IKEA schaffte 2021 seinen ikonischen Papierkatalog ab und sparte 33.000 Tonnen Papier jährlich. Gleichzeitig stärkte das Unternehmen seine digitale Kundenschnittstelle (Effizienz, Resilienz).

  1. Substitution – Komplexe Elemente durch einfachere ersetzen

Ein sanfterer Weg der Subtraktion: etwas weniger machen, aber besser.

Beispiel: Ruandas Gesundheitssystem ersetzte logistisch aufwendige Prozesse durch Lieferdrohnen – schneller, robuster, kostengünstiger.

  1. Konsolidierung – Zusammenführen statt Vermehren

Mehrwert entsteht, indem mehrere Funktionen in ein integriertes System überführt werden.

Beispiel: Estonias eResidency-Programm, das viele staatliche Prozesse digital zusammenführt.

  1. Pausierung – Temporäres Aussetzen von Funktionen

Netflix mit seinem „Pause Membership“-Modell: weniger Kündigungen und mehr Kundenerhalt.

  1. Verbergen – Komplexität unsichtbar machen

AWS oder Software wie Otter.ai verstecken Komplexität hinter einfachen Oberflächen, ohne Funktionen zu reduzieren.

  1. Abstraktion – Vereinfachung durch übergeordnete Strukturen

Abstraktion bündelt Interaktionen auf einer höheren Ebene, z. B. zentrale Patient:innenportale im Gesundheitswesen.

Diese sechs Ansätze zeigen: Subtraktion ist vielfältiger und kreativer, als man denkt.

Strategische Subtraktion als Führungsdisziplin

Subtraktion ist nicht:

✘ Sparen um jeden Preis

✘ minimalistische Ideologie

✘ Verzicht aus Not

Sondern:

✔ ein Strategiewerkzeug,

✔ ein Innovationsmotor,

✔ ein Fokusverstärker,

✔ ein Katalysator für bessere Entscheidungen.

Führungsteams können Subtraktion standardisieren – etwa durch „Stop-Doing-Reviews“, durch Subtraktionsworkshops oder durch klare Entscheidungsregeln:

„Was muss weg, damit das Wichtige wirkt?“

Der Subtraktionsworkshop: Ein praktischer Ansatz für Organisationen

Ablauf:

  1. Solo-Brainstorming:

Was nervt? Was lenkt ab? Was war früher wertvoll, ist heute aber hinderlich?

  1. Gruppenarbeit:

Gemeinsames Identifizieren der grössten Hindernisse.

  1. Priorisierung:

Welcher Subtraktionsschritt erzeugt sofort spürbaren Wert?

  1. Implementierung:

Konkrete Massnahmen aus den sechs HBR-Strategien ableiten.

Die Verbindung dieser Methode mit dem Triple-Test-Modell macht Subtraktion zu einem strategischen Ritual, nicht zu einer einmaligen Übung.

Warum jetzt? Die Relevanz in einer komplexen Welt

In einer Zeit geopolitischer Unsicherheit, knapper Ressourcen, digitaler Komplexität und Datenüberflutung ist WENIGER die Voraussetzung für mehr – mehr Innovation, mehr Widerstandsfähigkeit, mehr Klarheit.

Subtraktion ist daher kein Luxus, sondern der neue Kern kompetenter Führung.

Fazit: Subtraktion ist kein Verzicht – sondern strategische Klarheit

Leider denken die meisten nicht automatisch in Subtraktion.

 

Aber Organisationen werden besser, sobald sie beginnen, es systematisch zu tun.

Strategische Subtraktion

  • schafft Freiraum für Innovation,
  • erhöht die Beweglichkeit,
  • stärkt die Konzentration auf das, was zählt,
  • und wird in turbulenten Zeiten zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Die wichtigste Führungsaufgabe ist deshalb nicht, mehr zu tun – sondern mutig und konsequent wegzulassen.

Quellen: • Strategie: Weniger ist mehr, Riskmanagement & IKS News, Mai 2022.
Hinzu oder weg?, Riskmanagement & IKS News, Januar 2024.
In Turbulent Times, Consider “Strategic Subtraction”, Harvard Business Review, November–Dezember 2025.
• The Economist (14. April 2021): Why people forget that less is often more.
• The Economist (31. August 2023): The best bosses know how to subtract work.
• Harvard Business Review (Jan–Feb 2024): Rid Your Organization of Obstacles That Infuriate Everyone. 

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