Riskmanagement & IKS News
Wenn’s keiner merkt – und trotzdem passiert: Kontrolllücken
„Wir haben doch ein IKS – wie konnte das passieren?“ Diese Frage hört man oft nach internen Vorfällen, Zahlungsfehlern oder Compliance-Lücken. Die Antwort: Weil ein Internes Kontrollsystem (IKS) zwar eingeführt wurde, aber nicht gepflegt, nicht verstanden oder nie richtig durchdacht war. Kontrolllücken entstehen nicht aus Böswilligkeit – sondern aus Alltag, Bequemlichkeit, Rollenunklarheit oder Überforderung.
- Was sind Kontrolllücken – und woher kommen sie?
Kontrolllücken sind Schwachstellen im System, bei denen entweder:
- keine Kontrolle definiert wurde (z. weil ein Prozess nicht vollständig erfasst wurde),
- eine definierte Kontrolle nicht umgesetzt wird (z. wegen Personalmangel), oder
- eine Kontrolle nicht wirksam ist, weil sie ignoriert oder umgangen wird.
Typische Ursachen:
- Neue Abläufe (Digitalisierung, Outsourcing) ohne IKS-Anpassung
- Verlassen auf Gewohnheit oder Personen („Das hat immer X gemacht“)
- Nicht dokumentierte Prozesse bei kleinen Teams
- „Papierkontrollen“, die nicht gelebt werden
Beispiel aus einer Gemeinde: Die Auszahlung von Subventionen erfolgte auf Basis eines alten Excel-Files. Eine Mitarbeiterin nutzte dies für fiktive Zahlungen. Das IKS sah zwar eine Prüfung vor – diese wurde aber nicht mehr durchgeführt, weil die prüfende Person in Pension ging und nie ersetzt wurde.
- Warum gerade kleine Organisationen besonders gefährdet sind
In KMU, Verwaltungen und Non-Profit-Institutionen ist oft wenig Redundanz vorhanden:
- Eine Person hat viele Rollen (z. Einkauf und Freigabe)
- Stellvertretungen sind nur auf dem Papier geregelt
- Abhängigkeit von Schlüsselpersonen ist hoch
Das macht die Einrichtung eines IKS nicht überflüssig – sondern umso wichtiger. Nur ein bewusst gepflegtes Kontrollsystem kann verhindern, dass aus Alltag Risiko wird.
- Wie erkenne ich Kontrolllücken? (Checkliste)
Einige Kontrolllücken sind offensichtlich – andere nur durch systematische Reflexion erkennbar. Hier eine praxisnahe Checkliste für die Identifikation:
| Prüffrage | Hinweis auf eine mögliche Lücke |
| Gibt es Prozesse ohne klare Freigabe? | Gefahr der Eigen-mächtigkeit |
| Gibt es Verantwortlich-keiten, die nie vertreten sind? | Klare Abhängigkeit |
| Gibt es Kontrollen, die immer von derselben Person gemacht werden? | Mangel an Vier-Augen-Prinzip |
| Gibt es Kontrollnach-weise, die nie überprüft werden? | «Alibi-Kontrolle» |
| Wurden neue Tools/Prozesse seit Einführung nie ins IKS aufgenommen? | Systembruch |
Tipp: Machen Sie ein internes Kontroll-Mapping (z. B. auf A3), um zu sehen, wo Pflichten und Kontrollpunkte fehlen oder doppelt sind.
- Was tun? Praktische Ansätze zur Lückenerkennung und -schliessung
A. Kontrolllandkarte erstellen
- Prozessübersicht mit Kontrollpunkten
- Wer kontrolliert was – wie oft – mit welchem Nachweis?
-
B. Stichproben einführen
- Besonders bei Selbstkontrollen (z. Reisekosten, Zahlungen)
- Durch eine unabhängige Stelle, z. Administration oder Vorgesetzte
-
C. Systematische IKS-Review jährlich durchführen
- Werden alle Kontrollen noch benötigt?
- Sind neue Risiken entstanden?
- Wird wirklich kontrolliert – oder nur gemeldet?
-
D. Technische Unterstützung nutzen
- Automatisierte Erinnerungen für Kontrollpflichten
- Digitale Checklisten statt Excel
- Ampel-Reporting für offene Kontrollen
-
E. Kontrollen vereinfachen, nicht vermehren
- Lieber wenige, klare, wirksame Kontrollen als überladene Excelmonster
- Fokus auf risikoorientierte Prüfung – nicht formale Erfüllung
Fazit: Ein IKS ist nie „fertig“ – sondern ein lebendiges System
Kontrolllücken entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen mit der Organisation – oder mit deren Nachlässigkeit. Wer sein IKS ernst nimmt, nimmt sich regelmässig Zeit für eine ehrliche Standortbestimmung. Die gute Nachricht: Die meisten Lücken lassen sich einfach schliessen – wenn man sie kennt.
Quellen:
- swissaxis AG (2024): IKS Review-Workshops – Erkenntnisse aus 40 Projekten in KMU und Verwaltungen
- IIA Global (2023): Internal Controls – The Foundation of Governance org
- NCSC Schweiz (2024): Organisatorische Schwachstellen in öffentlichen Stellen admin.ch
- KPMG (2022): IKS in der Praxis – Studienbericht DACH ch
