Riskmanagement & IKS News
Warum gute Führung manchmal «Nein» sagen muss
“Das haben wir doch immer so gemacht.”
“Schon wieder eine Kontrolle.”
“Wir vertrauen unseren Mitarbeitenden.”
“Das kostet nur Zeit.”
Fast jede Führungskraft kennt solche Einwände. Und tatsächlich: Kontrollen kosten Zeit. Sie schaffen zusätzliche Arbeit und können Prozesse verlangsamen.
Trotzdem gehören sie zu den wirksamsten Führungsinstrumenten überhaupt.
Nicht weil Mitarbeitende grundsätzlich Fehler machen oder unredlich handeln. Sondern weil Organisationen komplex sind und Menschen fehlbar bleiben.
Interne Kontrollen sind kein Misstrauensvotum
Viele Mitarbeitende verbinden interne Kontrollen mit Misstrauen. Nach dem Motto: “Offenbar traut man mir nicht.”
Genau das Gegenteil ist der Fall.
Interne Kontrollen gehören zu den wichtigsten Instrumenten guter Corporate Governance. Sie werden nicht eingeführt, um Mitarbeitende bei Fehlern zu ertappen oder um Schuldige zu suchen. Sie sind keine Falle – sie sind ein Sicherheitsnetz.
Organisationen führen Kontrollen nicht ein, weil sie ihren Mitarbeitenden misstrauen. Sie führen sie ein, weil Menschen Fehler machen. Selbst engagierte, erfahrene und integre Mitarbeitende übersehen unter Zeitdruck etwas, interpretieren Informationen falsch oder treffen Entscheidungen auf unvollständiger Informationsbasis.
Genau dafür gibt es interne Kontrollen. Sie verhindern, dass kleine, menschliche Fehler zu grossen finanziellen Schäden, Reputationsverlusten oder rechtlichen Problemen werden. Sie schützen nicht nur Vermögenswerte, sondern auch die Mitarbeitenden selbst.
Ein gutes IKS schützt Menschen genauso wie die Organisation.
Warum Führungskräfte Kontrollen verteidigen müssen
Interne Kontrollen verlieren selten aufgrund fachlicher Kritik an Bedeutung.
Sie verschwinden schleichend.
Eine Kontrolle wird ausgelassen, weil gerade wenig Zeit ist.
Ein Vier-Augen-Prinzip wird umgangen, weil die zuständige Person in den Ferien ist.
Eine Unterschrift wird nachgereicht.
Mit jeder Ausnahme sinkt die Verbindlichkeit des Systems.
Hier sind Führungskräfte gefordert.
Nicht weil sie Kontrollen überwachen sollen, sondern weil sie deutlich machen müssen, warum Kontrollen existieren.
Wer Kontrollen bei jeder Gelegenheit relativiert, signalisiert der Organisation, dass sie letztlich doch verzichtbar sind.
Die fünf häufigsten Einwände, und wie Führungskräfte darauf antworten können
- “Wir vertrauen unseren Mitarbeitenden.”
Vertrauen und Kontrolle sind keine Gegensätze.
Gerade dort, wo grosses Vertrauen besteht, sind klare Spielregeln besonders wichtig.
Ein Pilot wird vor jedem Flug von einer Checkliste begleitet. Nicht weil ihm niemand vertraut, sondern weil selbst die Besten Fehler machen können.
- “Das kostet zu viel Zeit.”
Ja.
Kontrollen kosten Zeit.
Fehler kosten meist erheblich mehr.
Jede verhinderte Falschzahlung, jede vermiedene Doppelbestellung oder jeder rechtzeitig erkannte Betrugsversuch spart ein Vielfaches des Kontrollaufwandes.
Kontrollen sind keine Kosten.
Sie sind eine Investition in Verlässlichkeit.
- “Bei uns ist noch nie etwas passiert.”
Genau deshalb funktionieren die Kontrollen.
Niemand würde behaupten, eine Gebäudeversicherung sei überflüssig, nur weil das Gebäude bisher nie gebrannt hat.
Interne Kontrollen wirken häufig gerade dadurch, dass Probleme gar nicht erst entstehen.
- “Unsere Mitarbeitenden sind erfahren.”
Erfahrung schützt nicht vor Irrtümern.
Viele Fehler entstehen nicht durch mangelnde Kompetenz, sondern durch Routine, Zeitdruck oder Ablenkung.
Gerade erfahrene Mitarbeitende profitieren von klaren Prozessen.
- “Wir sind zu klein für ein IKS.”
Je kleiner eine Organisation ist, desto grösser ist häufig die Abhängigkeit von einzelnen Personen.
Personalwechsel, Ferien oder Krankheit zeigen oft schlagartig, wie viel Wissen nur in einzelnen Köpfen vorhanden war.
Ein schlankes IKS schafft Kontinuität.
Wofür interne Kontrollen tatsächlich sorgen
Ein gutes IKS schützt nicht nur Vermögenswerte.
Es sorgt dafür, dass Organisationen auch unter Druck funktionieren.
Es schafft:
- verlässliche Entscheidungen
- nachvollziehbare Abläufe
- klare Verantwortlichkeiten
- stabile Prozesse
- Vertrauen gegenüber Kunden, Behörden, Revisionsstellen und Eigentümern
Kurz:
Interne Kontrollen schaffen organisatorische Resilienz.
Die wichtigste Aufgabe der Führung
Der grösste Fehler besteht darin, Kontrollen als Projekt der Finanzabteilung oder der Revision zu betrachten.
Kontrollen sind Führungsaufgabe.
Führungskräfte setzen den Ton.
Wenn sie Kontrollen selbst ernst nehmen, werden sie auch von den Mitarbeitenden akzeptiert.
Wenn sie Kontrollen regelmässig umgehen, verlieren diese ihre Glaubwürdigkeit.
Die Kultur beginnt immer an der Spitze.
Vademecum für Führungskräfte
Wenn Mitarbeitende den Sinn einer Kontrolle hinterfragen, helfen fünf einfache Argumente:
✓ Kontrollen schützen Mitarbeitende ebenso wie die Organisation.
✓ Kontrollen schaffen Verlässlichkeit – nicht Misstrauen.
✓ Kontrollen verhindern kleine Fehler, bevor sie grosse Schäden verursachen.
✓ Kontrollen sichern Wissen auch bei Personalwechseln.
✓ Kontrollen ermöglichen bessere Entscheidungen für das Management.
Fazit: Sicherheitsgurte stellt auch niemand infrage
Interne Kontrollen sind wie Sicherheitsgurte.
Sie kosten ein paar Sekunden.
Manchmal erscheinen sie unnötig.
Und doch würde niemand ernsthaft auf die Idee kommen, sie deshalb abzuschaffen.
Mit internen Kontrollen verhält es sich genauso.
Sie sind das Sicherheitsnetz einer Organisation. Nicht weil Mitarbeitende unzuverlässig wären, sondern weil Menschen fehlbar sind. Gute Führung anerkennt diese Realität und schafft Rahmenbedingungen, die aus kleinen Fehlern keine grossen Krisen entstehen lassen.
Quellen: Dieser Beitrag basiert auf dem McKinsey-Artikel «Six problem-solving mindsets for very uncertain times» vom September 2020.
